Theoretischer Hintergrund und übergeordnetes Forschungsziel

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Sprachen sind ein zentraler Bestandteil der Menschenrechte und grundlegender Freiheiten. Sie ermöglichen es Menschen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und ihre Zukunft zu gestalten. Sprachliche Vielfalt trägt daher wesentlich zu nachhaltiger Entwicklung und Friedenssicherung bei und ist integraler Bestandteil kultureller Vielfalt. Die heutige europäische Gesellschaft, die durch einen beispiellosen digitalen Wandel und Migration geprägt ist, steht vor einer ganzen Reihe stetig wachsender Herausforderungen, darunter:

Das Ziel der Einführung des verpflichtenden Erwerbs von zwei modernen Fremdsprachen in allen EU-Mitgliedstaaten ist noch nicht erreicht (Eurydice-Bericht, 2023: Wichtige Daten zum Fremdsprachenunterricht an Schulen in Europa, S. 5).
Die europäische Sprachenpolitik erweist sich als unzuverlässiger und unsicherer Rahmen im Hinblick auf die Förderung von Regional- und Minderheitensprachen.
In digitalen Ressourcen und Infrastrukturen, einschließlich KI-Technologien und großen Sprachmodellen (LLMs), besteht ein eklatanter Mangel an sprachlicher Vielfalt. Darüber hinaus vermitteln aktuelle digitale Werkzeuge und KI-Modelle zahlreiche Geschlechter- und Diversitätsstereotype und tragen so zu deren Aufrechterhaltung und Verstärkung bei.

Diese Situation erfordert einen tiefgreifenden Wandel hinsichtlich der Einstellungen und Denkweisen und, damit verbunden, sofortiges Handeln, um Multi- und Plurilingualismus in der digitalen Gesellschaft zu fördern, mit dem Ziel, eine inklusivere Welt zu schaffen. Die Umsetzung dieser Agenda ist das zentrale Ziel des Forschungs- und Ausbildungsprojekts MultiLAwa. Ein wichtiger Ansatz zur Bewältigung der genannten Herausforderungen ist die Förderung von Language Awareness auf individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene.
Ursprünglich von Hawkins (1984) eingeführt und definiert (vgl. auch Donmall 1985) als „die Sensibilität und das bewusste Gewahrsein einer Person für die Natur der Sprache und ihre Rolle im menschlichen Leben“, wurde der Begriff Language Awareness von der Association for Language Awareness anschließend erweitert und umfasst nun „explizites Wissen über Sprache sowie bewusste Wahrnehmung und Sensibilität beim Sprachenlernen, Sprachenlehren und Sprachengebrauch“. In den letzten Jahrzehnten wurde Language Awareness intensiv im Bildungsbereich erforscht, insbesondere in mehrsprachigen Klassen und plurilingualen Pädagogiken. Neue Herausforderungen in digitalen Lernumgebungen weisen jedoch auf neue Dimensionen von Language Awareness hin, die weitere Untersuchungen notwendig machen, darunter der Einfluss digitaler Werkzeuge auf Sprachpraxis, metasprachliche Reflexion und kritische Auseinandersetzung.
In diesem Kontext ist das übergeordnete Forschungsziel von MultiLAwa eine tiefgreifende Analyse der Zusammenhänge zwischen Language Awareness, Mehrsprachigkeit und Digitalität. Dabei sollen bisherige Forschungen im Bereich des Sprachenlernens und -lehrens erweitert und durch Forschung zu Sprachpraktiken und diskursen, Sprachpolitik sowie Lexikografie und Terminologie ergänzt werden. Dieses übergeordnete Forschungsziel basiert auf zwei zentralen Prämissen:
1. Language Awareness und Mehrsprachigkeit sind eng miteinander verknüpft. Im Kontext sprachlicher Vielfalt ist Language Awareness eine essenzielle, dynamische und prozessorientierte Kompetenz für Individuen, Institutionen und Gesellschaften, wobei sie zur Erweiterung des mehrsprachigen Repertoires des Einzelnen beiträgt und, umgekehrt, Mehrsprachigkeit die Entwicklung von Language Awareness fördert.
2. Zwischen Digitalität, Language Awareness und Mehrsprachigkeit besteht ein enger Zusammenhang: Digitalität, z.B. soziale Medien, digitale Ressourcen/Daten/Korpora/Infrastrukturen, Online-Wörterbücher und Glossare, digitale Diskurse und Praktiken sowie KI-Technologien im Allgemeinen können dazu beitragen, Language Awareness zu erhöhen und dadurch Mehrsprachigkeit zu stärken.

Interconnections between Language Awareness, Pluri-/Multilingualism and Digitality

Das Forschungsprogramm von MultiLAwa basiert auf zwei zentralen operativen Rahmenkonzepten zu Language Awareness (LA): i) das Modell von James/Garrett (1998 a/b), das fünf voneinander abhängige Bereiche von LA identifiziert: den affektiven, den sozialen, den kognitiven, den Macht- und den Leistungsbereich, ii) eine etablierte, dreigliedrige Kategorisierung von LA, wie sie in der Forschung dargelegt ist (van Lier 2004, Daryai-Hansen et al. 2024, Krogager Andersen 2024): (a) Practical Language Awareness (in Verbindung mit dem Leistungsbereich), (b) Metalinguistic Language Awareness (in Verbindung mit dem kognitiven Bereich) und c) Critical Language Awareness (in Verbindung mit dem Machtbereich).
Diese Rahmenkonzepte bilden zusammen die Grundlage des gesamten Forschungsprogramms, das auf früheren Studien zu Language Awareness in mehrsprachigen Kontexten und aktuellen Entwicklungen im Bereich von Critical Multilingual Language Awareness aufbaut. MultiLAwa entwickelt das Konzept von Multilingual Language Awareness weiter und untersucht Language Awareness in mehrsprachigen Kontexten mit besonderem Fokus auf kritische, metasprachliche und praktische LA. Dabei wird Language Awareness umfassend verstanden, d.h. nicht nur im Kontext sprachlicher Bildung, sondern als allgemeine, sozial eingebettete Kompetenz. Ziel ist es, den zentralen sprachbezogenen Herausforderungen einer sich rasant digitalisierenden Gesellschaft zu begegnen und zu nachhaltigen, inklusiven und pluri-/multilingualen Ökosystemen in ganz Europa beizutragen.